Kulturindustrie und die Dialektik der Aufklärung
Kulturindustrie ist ein Begriff, welchen Adorno und Horkheimer in ihrem gemeinsamen Buch “Dialektik der Aufklärung” schufen(1), um Tendenzen der Massenmedien und -kunst, welche sie nach ihrer Emigration in die USA beobachteten, beschreibend zusammenzufassen, bevor ihre Konzepte vielfach von Autoren, wie Barthes(2), Baudrillard(3) und Jamerson(4) weiterverwendet und -entwickelt wurden.
Der „Anspruch der Verwertbarkeit”(5) der Kunst ist Kulturindustrie, und als Verwirtschaftlichung ist sie auch eine Rationalisierung, der Punkt, bei dem die “Dialektik der Aufklärung” als rationalitätskritisches Werk ansetzt:
Aufklärung heißt Wissenschaft, heißt Humanismus, heißt als solche, dass sich der humanistische Mensch - jeder Mensch, das ist das Egalitäre - der Rationalität bedienen kann, da das Denken nach wissenschaftlicher Systematik, nicht nach Stand des “Autors” beurteilt werden sollte, anders als im aristokratischen Denken(6). Der Sinn der Aufklärung ist also schlicht, “den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herrn einzusetzen. […] Das Programm der Aufklärung war die Entzauberung der Welt. Sie wollte die Mythen auflösen und Einbildung durch Wissen stürzen.”(7). Es ist die Beherrschung, Domestizierung, Nutzbarmachung der Natur(8).
Die Ursprünge dessen sehen sie in Opferungen. Im Opfer, beispielsweise an einen Meeresgott, um eine gute Überfahrt abzusichern, findet sich die Tendenz der Naturbeherrschung: der Gott steht für einen Bereich dieser, das Opfer ist ein Tausch, um durch den Gott etwas zu bewirken, etwas auszulösen, zu kontrollieren(9); die Gottheit, in ihrer Eigenständigkeit, ist das Geopferte(10), die Ritualisierung des Opfers wird zur Institutionalisierung der Herrschaft(11).
Dies finden sie am stärksten in der Odyssee, welche Adorno und Horkheimer als eine Art geistiges Grundwerk unserer Zivilisation behandeln: mathematisch genau kann Odysseus berechnen, wie viele Männer er an Skylla, Polyphem oder manch andere Ungeheuer verlieren muss(12), um das zum Vertrag erstarrte Tauschverhältnis(13) einzuhalten, stets den objektiv effizientesten Weg (Skylla statt Charybdis) wählend, vergleichend, berechnend(14). Doch erst in der Odysseus’sche List findet sich der Triumpf des Zeichens über das Bild(15): dese nämlich besteht darin, den Signifikant, den Tauschvertrag, über das Signifikat, das eigentlich Gemeinte, zu stellen(16), indem er sich beispielsweise an den Mast fesseln lässt, unfähig, zu den Sirenen zu gelangen und doch, wie er muss, nach ihnen verlangend(17). Adorno und Horkheimer erscheinen seine Mitfahrer dabei wie die Proletarier im Kapitalismus, welche “ihre eigenen Gelüste ignorierend” maschinenartig zu paddeln haben(18), Odysseus, wie ein Proto-Bourgeoise(19), dessen reiner Akt des Reisens von A nach B durch ein abgetrenntes “Wildes” die aufklärerische Zivilisation-Natur-Trennung aufweist(20).
“Mit der Aufzeichnung und Sammlung der Mythen […] [wird der] Bericht zur Lehre”(21) schreiben sie, die Tauschverhältnisse beispielsweise für alle allgemein anwendbar, gesetzlich, abstrakt(22).
Abstraktion, wie das Ersetzen der Realität durch das Symbol, “das Werkzeug der Aufklärung, verhält sich zu den Objekten […] als Liquidation”(23), denn Dinge werden zu Exemplaren einer “Spezies”(24), “Natur wird zum Wiederholbaren”(25), Berechenbaren, Beeinflussbaren, Beherrschbaren, Benutzbaren gemacht, jeder Qualität, jeder Eigenschaft entbehrend(26), das bar alles Konkreten, Endlichen, Individuellen und Unaustauschbaren die Vorbedingung des Kapitals darstellt(27). Die Symbole werden, aus ihrer dienensollenden Stellung heraus, “zum Fetisch”(28); Hyperrealität ist ihr Endeffekt. “Der Rationalismus verhält sich zu den Dingen, wie der Diktator zu den Menschen”(29), denn Denken ist zu Organisation, zu Herrschaft verkommen(30), eine Norm, welche selbst Unterdrückung voraussetzt(31): “Aufklärung ist totalitär”(32). Alles kann sie durchdringen, systematisieren, quantifizieren. Alles kann kommodifiziert werden.
Auch der Mensch findet in der Odyssee seinen Auftritt: der “Mensch”, das wohl engstgefasste Gruppenexemplar und Grundstein aufklärerischer Humanisten(33), ist als solches schon entqualifiziert, entanimalisiert(34); Odysseus “Brustschlag” nach dem Bezwingen eines Ungeheuers zeigt den Sieg über die eigene Natur, über das noch “Natürliche” im Individuum auf, er ist Selbstzüchtigung(35). Ziel ist die “Bändigung des Triebes durch die Vernunft“: “der Affekt wird dem Tier gleichgesetzt, das der Mensch unterjocht”(37). Die schon durch Odysseus “Reisen” an die Oberfläche kommende Mensch-Natur-Trennung wird so perpetuiert: Mensch, Zivilisation, Rationalität, Produktion, Herrschaft steht Natur, Unbeherrschtheit, Spontaneität, Gefühl, Trieb, Kunst, „Übermensch“(37) entgegen. Dieser Dualismus, der erst aus dieser rationalistischen Trennung entstand, ist gerade aufgrund ihrer Synthetik keiner, in welchem Individuen eine Seite beziehen sollten(38).
Der Humanismus übernimmt die christliche ‘Seele’ als von allen gesellschaftlichen Realitäten abstrahierter ‘Mensch’, als unendliche, unpersönliche Spezies(39) und als solche bezeichnet Stirner sie als “Spuk”(40): “Hoch den Menschen, doch nieder mit dem Egoisten”(41), dem Einzelnen, dem also qualitativ-endlichen Individuum(42). Erst diesem ‘Menschen’ können “Menschenrechte” vermacht werden(43), welche dem abstrakten, theoretischen ‘Menschen’ allerlei Privilegien verleihen(44). Das ausschlaggebendste davon die negative Freiheit(45). Der Grundsatz, dem “Menschen” stehe “Freiheit von” zu(46), (nicht aber positive “Freiheit zu”, da zur Beurteilung dessen die unhumanistischen Materialitäten, wie Raum, Zeit, und allsonstigen umweltlichen Faktoren in Erwägung gezogen werden müssten), ist Grundbaustein der “repressiven Egalität”(47) des Kapitals: bar jeder gesellschaftlichen Analyse kann es sozialmateriellen Zwang nicht sehen, wenn sich Individuen der Lohnarbeit verdingen müssen, um zu überleben, was also auch die Handlung der Menschen selbst berechenbar, systematisierbar, rational beherrschbar macht(48).
Dass sich “Aufklärung zum Partikularen verhält wie der Diktator zu den Menschen”(49), ist kein einseitiger Vergleich (was bedeutet, dass sich das Aufklärungs-Partikularitäts-Verhältnis mit diktatorischem Herrschen vergleichen lässt, da dieses aus Ersterem entstand): “Der Animismus hat die Sache beseelt, der Industrialismus den Menschen versachlicht.”(50).
Kulturindustrie endlich ist für Adorno und Horkheimer die Kunst, welche aus dem Profitmotiv allein produziert wird(51), für welche Tausch-, statt Gebrauchswert den definierenden Sinn darstellt(52). Dies führt allerdings nicht zur Produktion “der beliebtesten” Kunst, also der Produktion von Kulturgütern nach dem Vorbild autarker Kunstnachfrage, wie es die Aufklärung, die die Natur nach dem Verlangen der Menschen formt, vorsähe(53), denn da es viel günstiger und darum profitreicher ist, nicht für das bestmögliche Ergebnis die Natur bestmöglich aufklärerisch nach menschlichem Willen zu formen, (was in der Wirtschaft Waren, also Angebot hervorbrächte,) sondern die Nachfrage zu produzieren, rücken Methoden wie Werbung zunehmend in den Fokus kapitalistischer Profitmachung und so auch in der Kulturindustrie(54). Daher stammt auch die ewige Imitation von Populärfilm und -musik, da wir, was uns bekannt ist, lieber wiedererfahren, als mit Neuem konfrontiert zu werden(55), erst recht, wenn andere Konsumptionsformen, als Binge-Watch vielen Menschen unmöglich gemacht werden(56): alles muss alt genug sein, um wiedererkennbar zu sein, aber neu genug, um Kaufreiz zu schaffen, damit es lohnt, nicht beim alten Produkt zu bleiben(57). Auch die Vieldeutigkeit und mögliche Interpretationstiefe manch moderner Kunst geht dadurch verloren, nicht nur, weil Eindeutigkeit ein Mantra der Aufklärung ist(58), sondern auch, weil es sich besser verkauft(59). Doch auch dies “versachlicht den Menschen”(60) weiter: bei Kulturindustrie entsteht dadurch aber das neue Problem, das, da es sich um geistige Waren handelt, die erdrückende Klarheit auch mögliches Reflektieren abschafft, da sie sie obsolet macht(61). Dies ist die “negative Dialektik”(62) der Aufklärung: das Umschlagen von Herrschaft, Domestizierung und Formung der “Natur” (oder des Angebots) zur Herrschaft und Lenkung des “Menschen” (oder der Nachfrage)(63). “Die Unverschämtheit der rhetorischen Frage, ‘Was wollen die Leute haben?’ liegt darin, dass sie auf dieselben Leute als denkende Subjekte sich beruft, die der Subjektivität zu entwöhnen ihre spezifische Aufgabe darstellt.”(64): Angebot bestimmt im Spätkapitalismus die Nachfrage, nicht andersherum(65). Diese passive, nichtreflektierende, zum Kauf gelenkte “Gabenempfänger-rolle”(66) hofft “der Faschismus […] in seine reguläre Zwangsgefolgschaft umzuorganisieren.”(67)
Herdenmenschen, Feindbild der Aufklärung, ist also ihre letzte Konsequenz(68), das Umschlagen von der Natur- zur Menschenbeherrschung, unter Nutzung der „instrumentellen [(dh. rein auf bestmögliche Zielerreichung, also Mittel-, nie Zweckbewertung angelegte)] Vernunft“(69) die „Dialektik der Aufklärung“.
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Fußnoten:
(1) Theodor Wiesengrund Adorno, Max Horkheimer (1944): “Dialektik der Aufklärung”, S. 128 (Fischertaschenbuch-Ausgabe)
(2) “Kritik und Wahrheit”, einige der “kritischen Essays” und weitere
(3) Werke, wie: “der symbolische Tausch und der Tod”, “die Konsumentengesellschaft – Mythen und Strukturen”, “Simmulakrum und Simulation” oder “im Schatten schweigender Mehrheiten”, wie weitere.
(4) “Postmodernismus oder die kulturelle Logik des Spätkapitalismus”
(5) Adorno, Horkheimer (1944): S. 167
(6) Immanuel Kant: “Beantwortung der Frage: ‘Was ist Aufklärung?’”, Kant-Werke Band VIII S, 35 (Akademieausgabe)
(7) Adorno, Horkheimer (1944): S. 9
(8) Ebenda
(9) Adorno, Horkheimer (1944): S. 58
(10) Adorno, Horkheimer (1944): S. 61
(11) Adorno, Horkheimer (1944): S. 65
(12) Adorno, Horkheimer (1944): S. 81 sowie S. 38
(13) Adorno, Horkheimer (1944): S. 65
(14) Adorno, Horkheimer (1944): S. 81 sowie S. 38
(15) Adorno, Horkheimer (1944): S. 67
(16) Adorno, Horkheimer (1944): S. 66ff
(17) Homer (unbekannt): “Odyssee”, Strophe 190: https://gottwein.de/Grie/hom/od12.php#Hom.Od.12,190
(18) Adorno, Horkheimer (1944): S. 39ff sowie 43
(19) Ebenda sowie 50
(20) Adorno, Horkheimer (1944): S. 55
(21) Adorno, Horkheimer (1944): S. 14
(22) Adorno, Horkheimer (1944): S. 18
(23) Adorno, Horkheimer (1944): S. 19
(24) Adorno, Horkheimer (1944): S. 184 sowie S. 16
(25) Adorno, Horkheimer (1944): S. 19
(26) Adorno, Horkheimer (1944): S. 43
(27) Adorno, Horkheimer (1944): S. 69
(28) Adorno, Horkheimer (1944): S. 27
(29) Adorno, Horkheimer (1944): S. 15
(30) Adorno, Horkheimer (1944): S. 42
(31) Adorno, Horkheimer (1944): S. 27 sowie: Friedrich Nietzsche: “Zur Genealogie der Moral”, S. 50 (Goldmann Klassiker Ausgabe)
(32) Adorno, Horkheimer (1944): S. 12
(33) Das definiert sie erst als Humanisten.
(34) Adorno, Horkheimer (1944): S. 55
(35) Ulrich von Wilamowitz-Moellendorf (1927): “Die Heimkehr des Odysseus”, S. 190
(36) Adorno, Horkheimer (1944): S. 54f
(37) Friedrich Nietzsche (1883): “Also sprach Zarathustra”, S. 16f (Inselverlag Taschenbuch 145)
(38) Gilles Deleuze, Félix Guattari (1972): “Anti-Ödipus”, S. 9ff
(39) Adorno, Horkheimer (1944): S. 184
(40) Max Stirner: “der Einzige und sein Eigentum”, S. 37 (Reklamausgabe)
(41) Stirner (1844): S. 3
(42) Stirner (1844): S. 5
(43) Stirner (1844): S. 108
(44) Stirner (1844): S. 199
(45) Gottfried Wilhelm Leibniz (1890): “Die Philosophischen Schriften” Bd. VII, S. 109 (Ausgabe Berlin 1890)
(46) Ebd.
(47) Adorno, Horkheimer (1944): S. 19
(48) Gruppe “GegenStandpunkt” (2013): “The Human Right” (Kapitel 2) https://en.gegenstandpunkt.com/articles/human-right?fbclid=IwAR0Q78YdojT-D3g-_hsh6VvIlpFFnmkludUtIK0B5DPzxB4CEnRZpJSy5OQ
(49) Adorno, Horkheimer (1944): S. 15
(50) Adorno, Horkheimer (1944): S. 34
(51) Adorno, Horkheimer (1944): S. 6
(52) Adorno, Horkheimer (1944): S. 167
(53) Adorno, Horkheimer (1944): S. 153
(54) Ebd.
(55) Adorno, Horkheimer (1944): S. 142
(56) Adorno, Horkheimer (1944): S. 153
(57) Adorno, Horkheimer (1944): S. 142
(58) Adorno, Horkheimer (1944): S. 139 sowie S. 5
(59) Aus dem absoluten Profitmotiv hinter Kulturindustrie ergibt sich die Beobachtung, dass sich “Simples”, “Durchsichtigeres” besser verkauft (was an ihrer Marktgröße zu erkennen ist), da auch das Gegenteil probiert wurde.
(60) Adorno, Horkheimer (1944): S. 34
(61) Adorno, Horkheimer (1944): S. 139 sowie S. 5
(62) Theodor Wiesengrund Adorno (1966): “negative Dialektik”, S. 137 (Suhrkamp Taschenbuch)
(63) Adorno, Horkheimer (1944): S. 100
(64) Adorno, Horkheimer (1944): S. 153
(65) Adorno, Horkheimer (1944): S. 153 sowie 144
(66) Adorno, Horkheimer (1944): S. 170
(67) Ebd.
(68) Theodor W. Adorno (1942): “Das Schema der Massenkultur”, S. 122
(69) Max Horkheimer (1947): „Kritik der instrumentellen Vernunft“, S. 8ff (Fischer-Taschenbuchausgabe)
pdf der Dialektik der Aufklärung: https://cdn.discordapp.com/attachments/625383058664718399/694205578402332713/Adorno_Theodor_W.__Horkheimer_Max_-_Dialektik_der_Aufklarung.pdf
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